Das Siemens-Schmiergeld-Geflecht - Was wußte Klaus Kleinfeld?
Bayerischer Rundfunk
report MÜNCHEN
Sendung vom 11.12.2006
Das Siemens-Schmiergeld-Geflecht -
Was wußte Klaus Kleinfeld?
Autoren: Sabina Wolf, Klaus Wiendl, Rudolf Lambrecht
Budapest vergangene Woche. Die Gerüchte über dubiose Machenschaften des Siemens Konzerns reichen bis hierher, ins Obdachlosenviertel der ungarischen Hauptstadt. Ein Mann von der Straße, ein gewisser Laszlo Kutrutz soll mehr wissen.
In diesem Haus in Budapest hat er Unterschlupf gefunden. Angeblich hat Siemens seine Identität für Scheinfirmen benutzt. Was ist an den Gerüchten dran?
Reporterfrage:
„Sind Sie Laszlo Kutrutz?“
Ja, bestätigt er, ich bin Laszlo Kutrutz, der mit der Siemensgeschichte.
Die ungarische Steuerfahndung ist hinter ihm her. Mit GmbHs, die auf seinen Namen eingetragen sind, soll er viele Millionen Euro gedreht haben.
In einer Kneipe um die Ecke, will er uns erklären wie es dazu gekommen ist. An Hand eines Handelsregisterauszugs vergewissern wir uns noch einmal: ja, bestätigt er, das ist eine seiner Firma, die Euroaction GmbH. Und so hatte die Geschichte begonnen:
Laszlo Kutrutz, Obdachloser:
„Ich war in einer Gaststätte. Ich ruhte mich dort aus. Und dann kam ein fremder Mann herein und fragte mich, ob ich Geld verdienen will.“
Und hier wurde Kutruz angesprochen, vom ex-Siemens Berater András Schrödl, in der Obdachlosenkneipe Jolly. Ein Dach über dem Kopf und immer wieder auch kleine Geldgeschenke bietet der. Dafür leiht er sich die Identität zur Gründung von Scheinfirmen, am 16. Juli 2001 ist der erste Eintrag im Handelsregister verzeichnet. Und weil Schrödl noch mehr Firmen gründen will, soll Kutrutz Freunde von der Straße ranschaffen.
In das dreckige Geschäft hineingezogen wird so auch Laszlo Barath. Da über die Scheinfirmen von insgesamt sieben Obdachlosen zwar 60 Millionen Euro gedreht wurden, aber keiner von ihnen Steuern gezahlt hat, haben jetzt alle die Fahndung am Hals. Riesensummen gingen auf ihre Firmen ein, die sie in bar abheben und an den Siemens-Berater übergeben mussten, sagen sie. Laszlo Kutrutz hat deshalb einen Anwalt besorgt.
Der will ihnen helfen, die Sache der Polizei zu erklären, denn Kutrutz und Barath haben keine Ahnung, was sich wirklich abgespielt hat.
Rechtsanwalt:
„Auf den Bankkonten der Firmen, die auf ihren Namen lauten, kann man riesige Geldbewegungen feststellen und all das kann mit den Aktivitäten der Siemens AG Ungarn in Zusammenhang gebracht werden.“
So hat zum Beispiel eine der gemeinsamen Scheinfirmen von Kutrutz und Barath Euroaction GmbH von Siemens 26 Millionen Forint, umgerechnet 100.000 Euro erhalten. Doch wofür? Dass sie keine echten Geschäftspartner sind, scheint jedem klar. Wurden sie zur Bildung schwarzer Kassen missbraucht? Von Siemens heißt es dazu kein Kommentar.
Von Ungarn in die Schweiz...
der Kontrast könnte kaum größer sein. Lugano im malerischen Tessin. Hier laufen viele Spuren der Geldschleusungen zusammen. Dieses Haus an der Via Cattori Nummer 7 war oft das Ziel von Siemens-Com-Mann Reinhard Siekaczek. Er war der Mann fürs Grobe.
Laut Haftbefehl München soll Siekaczek die Strukturen für die Geldverschiebungen aufgebaut haben. Es entstand jedenfalls mit Hilfe der Firma Finrex ein gewaltiges Schmiergeldimperium.
Zusammen mit Paolo Floriani, der aus gutem Grund das Licht der Öffentlichkeit scheut, soll Siekaczek die schwarzen Kassen weltweit für Bestechung eingesetzt haben. Die Spuren führen rund um den Globus.
Die Justiz in Bozen ist den Schmiergeldern seit schon fünf Jahren auf der Spur.
Cuno Tarfusser, Staatsanwaltschaft Bozen:
“Das Geld ist sehr, sehr gut gewaschen worden. Sehr professionell, ja.“
Im November 2004 eröffnete die Staatsanwaltschaft Liechtenstein gegen Siekaczek ein Ermittlungsverfahren wegen Untreue. Der Mann von Siemens Com soll seine Firma um 7,6 Millionen Euro geschädigt haben und zwar als Klaus Kleinfeld für Siemens Com im Vorstand mitverantwortlich war. Im Januar 2005 stieg Kleinfeld sogar zum Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG auf.
Kaum zu glauben: Vier Wochen später fordert Siemens die Liechtensteiner Staatsanwaltschaft auf, Zitat „das Verfahren einzustellen“. Der Grund: der Konzern sei „nicht geschädigt“ worden.
Obendrein verschweigt Siemens in dem jährlichen Bericht 2005 an die Börsenaufsicht in New York die Ermittlungen in Liechtenstein. Gefährlich, denn im Extremfall kann ein solches Verschweigen zum Ausschluss von der US-Börse führen.
Zurück nach Ungarn. Hier unter der Brücke in Budapest wird die Dreistigkeit der Siemens-Machenschaften klar. Schwarze Kassen rund um den Globus, sogar auf Kosten Obdachloser. Für Kutrutz ist jetzt jedenfalls alles noch schlimmer. Denn seit die Behörden hier ermitteln, sitzt er wieder auf der Straße, der ehemalige Siemens-Berater aber ist untergetaucht.
Laszlo Kutrutz, Obdachloser:
„All die hohen Herren bei Siemens sollen durchmachen, was ich durchmache. Sie haben keine Ahnung. Ich bezweifle, dass sie den Morgen erleben würden.“
Der Global-Player Siemens, von seinem Business-Ethik-Code scheint nicht viel übrig.
Siemens-Chef Kleinfeld ließ gegenüber report München erklären, er habe zu seiner Zeit als Vorstand des COM-Bereichs "keine operative Verantwortung gehabt".


